KURZPORTRÄT

Über mich!

 

Wann genau der Verlust meiner Sehfähigkeit begann, kann ich selbst gar nicht sagen.

Im Nachhinein betrachtet gab es bereits im Grundschulalter erste Anzeichen dafür, dass Irgendetwas mit meinen Augen nicht stimmte.

Zu Beginn meiner Schulzeit auf dem Gymnasium muss es dann zu einem größeren Sehverlust gekommen sein, denn es war plötzlich nicht mehr möglich, die Tafel zu sehen. Meine Eltern fuhren mit mir zu verschiedenen Augenärzten, bis am 16.11.2004 in der Universitätsklinik Münster die Diagnose „Zapfendystrophie“ mit einem damaligen aktuellen Restsehvermögen von etwa 50-60% gestellt wurde.

Die Prognose war zu dieser Zeit noch völlig unklar.

 

Nach der Diagnose veränderte sich nach außen noch nicht so viel.

Mein Sitzplatz im Klassenraum war ab nun immer ganz vorne und die Lehrer schrieben mit gelber Kreide möglichst in Druckbuchstaben an die Tafel.

 

Das Schwimmtraining verlief zu diesem Zeitpunkt noch wie immer.

 

Im Sommer 2005 kam es dann jedoch zu rasanten Veränderungen.

Ich war mit meiner Familie in den Sommerferien in Dänemark.

Ich weiß noch, dass dies die Zeit war, in der ich die Harry Potter Bücher regelrecht verschlungen habe. Von einem Tag auf den anderen konnte ich mein Buch nicht mehr weiterlesen, weil ich nichts mehr entziffern konnte. Der Urlaub wurde abgebrochen und mein Vater fuhr mit mir einige Tage später wieder nach Münster, wo dann ein Restsehvermögen von nur noch 10% festgestellt wurde.

Ab diesem Zeitpunkt ging alles sehr schnell.

Ich musste etliche Untersuchungen über mich ergehen lassen, meine weitere schulische Laufbahn wurde geplant, technische Hilfsmittel ausprobiert und angeschafft und ...und...und... – diese Zeit war für unsere gesamte Familie sehr belastend.

Es war aber auch eine Zeit, die uns alle noch mehr zusammengeschweißt hat!

 

Nun taten sich auch Grenzen im Schwimmen auf.

Es fiel mir plötzlich schwer, mich auf meiner Trainingsbahn zu orientieren und vor allem die Starts und Wenden missglückten immer häufiger.

An diese Zeit habe ich eigentlich, nicht nur was das Schwimmen betrifft, hauptsächlich schlechte Erinnerungen.

Zu dieser Zeit hatte ich noch Klavierunterricht. Der Versuch, die Noten so groß zu kopieren, dass sie für mich zu lesen waren, scheiterte kläglich. Doch auch dieses Problem konnte ich, dank meines Klavierlehrers, letztendlich lösen: es wurde halt nur noch nach Gehör gespielt, was auch gar nicht so schlecht lief.

 

2007 besuchte ich mit meinem Vater zum ersten Mal einen Schwimmwettkampf des DBS (Deutscher Behindertensportverband). Eigentlich wollte ich nicht, aber mein Vater überredete mich mit den Worten: “Lass uns nur mal vorbeischauen! Wenn du nicht schwimmen willst, fahren wir sofort wieder nach Hause.“

Wir fuhren aber nicht sofort zurück! 

Für sein liebevolles „Anschieben“ bin ich ihm bis heute sehr sehr dankbar!

 

Dass ich damals geblieben bin, habe ich aber auch anderen lieben Menschen zu verdanken. So nahmen mich auf meinem ersten DBS Wettkampf vor allem der damalige Landestrainer, Horst Danzeglocke, sowie die Athleten Miriam Lange und Sebastian Ivanow (Iwi) sofort rührend unter ihre Fittiche.

Danke noch einmal dafür!!!

 

Nach diesem Wettkampf ging es auch wieder ganz schnell – wie anscheinend immer in meinem Leben.

Ich fuhr zum ersten Mal mit dem paralympischen Schwimmteam NRW in ein Trainingslager und wurde in diesem Jahr auch noch in die Startklasse S13 klassifiziert.

 

Anmerkung:

Im paralympischen Sport wird nicht in Jahrgängen oder der offenen Klasse, sondern in Startklassen geschwommen.

2007 - 2011   startete ich in der Startklasse S13, d.h. hier konkurrieren Athleten mit einem Sehvermögen von maximal 3% bis 10% miteinander.

 

Meine aktuelle Startklasse ist S12, d.h. hier konkurrieren Athleten mit einem Sehvermögen von maximal 3% miteinander.

 

Es folgten weitere Schwimmwettkämpfe und fast hätte ich es 2008 bereits zu den paralympischen Spielen nach Peking geschafft. Schade!

Ich war aber dennoch bei den Spielen in Peking, zwar nicht als Schwimmerin, aber als Zuschauerin mit dem „Paralympischen Jugendlager“.

Was für ein beeindruckendes Ereignis!

 

2009 durfte ich zum ersten Mal an den Europameisterschaften teilnehmen. Ich weiß es noch wie heute, als ich nach erfolgreichen 400 m Freistil das Siegerpodest in Reykjavik/Island betreten durfte, um ganz stolz meine Silbermedaille in Empfang zu nehmen. Gänsehaut pur!!!

 

2010 startete ich in Eindhoven das erste Mal bei Weltmeisterschaften und konnte gleich eine Bronzemedaille mit nach Hause nehmen.

 

In den nachfolgenden Jahren reduzierte sich meine Sehfähigkeit leider immer weiter.

In der Schule konnte ich irgendwann auch mit meiner Tafelbildkamera nichts mehr anfangen. Vergrößerungslupen waren für mich auch keine Option mehr und so erhielt ich meine Arbeitsblätter in der Schule entweder als Datei auf mein Laptop oder riesig  groß kopiert, was oft dazu führte, dass ich regelrechte „Bücher“ als Arbeitsmaterial erhielt. In einigen Fällen konnte ich zusätzlich auch noch auf Hördateien zurückgreifen. Mein Laptop und mein Handy wurden ab diesem Zeitpunkt zu meinen ständigen  Begleitern, konnte ich mit ihnen doch relativ problemlos all das heran zoomen, was mir ansonsten verborgen geblieben wäre.

Maike Naomi ohne Handy – das gab es nicht mehr!

Ein Dank an die Technik!

 

2011 wurde ich dann in die Startklasse S12 klassifiziert, da mein Restsehvermögen nun deutlich unter 3% lag.

Nach diesen Augenarztterminen waren alle in unserer Familie immer besonders angespannt. Es dauerte jedes Mal eine ganze Weile, bis wieder eine gewisse Normalität einkehrte.

Doch das Jahr 2011 hatte auch seine positiven Momente.

So wurde ich in Alanya Doppelweltmeisterin über 200 und 400m Freistil und einige Monate später in Berlin Europameisterin über 400 m Freistil.

Ganz oben auf dem Treppchen zu stehen und die deutsche Nationalhymne zu hören, war einfach der Hammer!

 

Das Jahr 2012 brachte Höhen und Tiefen.

Ich konnte mich für die paralympischen Spiele in London qualifizieren, womit sich endlich mein Traum, den ich seit 2008 in Peking träumte, erfüllte. Doch immer wieder musste ich mit kleineren Verletzungen und Erkältungen kämpfen.

Den absoluten Tiefpunkt hatte ich dann am 9. August 2012. 14 Tage vor Abflug zu den Spielen nach London musste mir in der Nacht in einer Not-OP der Blinddarm entfernt werden.

Diese Zeit möchte ich eigentlich nur vergessen! Es war der Horror!

 

Nach einem Tief kommt bekanntlich wieder ein Hoch.

So auch bei mir! Nach langem Bangen nach der Blinddarm OP bekam ich kurz vor dem Abflug nach London das OK der Ärzte. Ich durfte mitfliegen und  in London an den Start gehen.

Mein Wettkampf  verlief zwar verständlicherweise nicht so, wie ich es mir noch Wochen vorher erträumt und erhofft hatte, aber ICH WAR DABEI!!!

Diese Zeit möchte ich trotz der unglücklichen Voraussetzungen nicht missen!

 

2013 war ein weiterer Meilenstein in meinem Leben.

So absolvierte ich erfolgreich mein Abitur und konnte mich trotz Schulstress und Abivorbereitung auch für die anstehenden Weltmeisterschaften in Montreal qualifizieren und dort auch erfolgreich eine Bronzemedaille über 100m Freistil gewinnen.

 

Leider verringerte sich mein Sehvermögen zu dieser Zeit wieder spürbar. Eine erneute Untersuchung in Münster im Sommer 2013 bestätigte dies.

Mein Sehvermögen auf meinem rechten Auge ist seither nahezu bei Null und auf meinem linken Auge bei etwa 1-1,5%. 

 

Nach dem Abitur veränderte sich viel in meinem Leben.

Ich begann ein Studium der Psychologie und wechselte zum Olympiastützpunkt Brandenburg.

 

Mein Leben von da an völlig selbstständig auf die Reihe zu bekommen, klappt bislang  ganz gut, obwohl ich in manchen Dingen doch ab und an meine Grenzen aufgezeigt bekomme. Mein erster Versuch, ganz allein einen leckeren Kuchen zu backen, ging definitiv etwas daneben. Seitdem bin ich stolze Besitzerin einer „sprechenden Waage“.

 

2014 und 2015 konnte ich meiner Medaillensammlung noch zwei weitere Medaillen hinzufügen. So holte ich bei der Europameisterschaft in Eindhoven Bronze über 400m Freistil und ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften in Glasgow ebenfalls Bronze, dieses Mal über 50m Freistil.

Im Mai 2015 wechselte ich zudem noch zu Christian Prochnow als Trainer, der mich ab diesem Zeitpunkt gemeinsam mit meinem Vater trainierte.

 

Zurück zur Historie in das Jahr 2015:

Im Oktober 2015 der Schock!

Bei einer Wende im Training verdrehte ich mir mein Knie so unglücklich, so dass ich mir mein Kreuzband anriss. Zu allem Unglück entwickelte sich aus dieser Verletzung auch noch eine Beinvenenthrombose in der Wade. Mindestens 3 Monate Sportverbot und das im vorolympischen Jahr!

Eine Katastophe!

Ich muss zugeben, dass ich zu dieser Zeit mehr als einmal an dem Punkt war, aufzuhören. Mir fehlte die Zuversicht, das Ziel Rio 2016 überhaupt erreichen zu können. Ich hatte Selbstzweifel, war schlecht gelaunt und bin meinen Mitmenschen sicherlich zu dieser Zeit ziemlich auf die Nerven gegangen. Dafür noch einmal eine ganz dicke  Entschuldigung.

Im Dezember durfte ich dann alle paar Tage mal für 500 Meter ins Wasser, um meinen Kreislauf ein wenig in Gang zu halten.

Damals erschien mir dies alles völlig sinnlos.

Doch dann Ende Dezember trat eine ganz neue Wendung ein.

Ich hatte vom Arzt die Erlaubnis erhalten, bei einem Weihnachtsschwimmen in Berlin für 50 Meter Freistil an den Start zu gehen. Unglaublicherweise schwamm ich eine gar nicht mal so schlechte Zeit und qualifizierte mich damit für die paralympischen Spiele in Rio 2016.

Ich konnte es nicht fassen! Aber wie sagt mein Papa immer:

„Ein langfristig aufgebautes Leistungsniveau ist stabil!“

Mein Training durfte ich ab 2016 so nach und nach wieder steigern, musste aber nach wie vor auf meine Thrombose in der Wade achten. Krafttraining war immer noch verboten. Doch mit dem intensiveren Training wurde auch meine Laune wieder besser. Die Zweifel waren zwar an vielen Tagen nach wie vor da, doch schafften es meine Eltern, Schwester, Trainer und Freunde mich immer wieder liebevoll aufzubauen.

Ganz herzlichen Dank dafür!

 

Von März bis Juli 2016 verbrachte ich viele Wochen mit dem großen Ziel

 ...on the ROAD TO RIO in verschiedenen Trainingslagern.

 

Fast im Vorbeigehen fand dann noch die EM im Mai 2016 in Funchal statt.

Die Arbeit der vergangenen Monate zahlte sich aus. Immerhin konnte ich zwei Medaillen (Silber über 400m und Bronze über 50m Freistil) mit nach Hause nehmen.

Dann endlich war es soweit, die paralympischen Spiele in Rio standen vor der Tür.

Dort legte ich mir gleich nach ein paar Tagen eine Infektion zu, die mit einem Antibiotikum behandelt werden musste.

Die Zweifel waren wieder da!

 

Ich erholte mich zum Glück schnell wieder und der erste Start über 100 Meter Schmetterling brachte eine satte Bestzeit und Platz 10.

So durfte es weitergehen.

Der nächste Start waren die 400 Meter Freistil, die an sich gut liefen, wobei ich allerdings um nur 8 Hundertstel die Bronzemedaille verpasste.

Im Anschluss hieß es: Kurz! ärgern und wieder fokusieren, denn meine Hauptstrecke stand erst am 17. September an.

Über 100 Meter Freistil erreichte ich am vorletzten Wettkampftag einen guten 6. Platz.

 

Am Samstag, den 17. September gegen 18 Uhr war es endlich so weit!

Alle Zweifel, Schmerzen und Sorgen der letzten Monate waren mit einem Male völlig vergessen!

 

Silber über 50 Meter Freistil! Ich konnte es kaum fassen!

 

Auch heute noch, wenn ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut.

Dieser Moment wird unvergessen bleiben, er ist unauslöschlich eingebrannt in meine Erinnerungen!

 

Rio 2016 war bislang der Höhepunkt in meinem Schwimmerleben!

Diese Erfahrungen und Erlebnisse bei den Spielen machen förmlich süchtig nach mehr und so befinde ich mich bereits wieder auf einem neuen Weg mit einem neuen Ziel

...on the ROAD TO Tokyo

 

Nach den Paralympics 2016 beendete Christian Prochnow leider sein Engagement in Potsdam.

Seit November 2016 trainiere ich in der Trainingsgruppe des ehemaligen Weltklasseschwimmers Jörg Hoffmann am Olympiastützpunkt Potsdam.

"Hoffi" ist einer der erfolgreichsten DSV-Trainer in Deutschland und ich bin ihm sehr dankbar, dass er mit mir arbeitet. Die Trainingspartner aus dem DSV eröffnen für mich neue Perspektiven auf den Schwimmsport:

Es ist unglaublich hart aber ich versuche mich nicht unterkriegen zu lassen. Das ist gelebte Inklusion!

Lieber "Hoffi": Ein großes Dankeschön für diese Chance an Dich und die gesamte Trainingsgruppe!

 

Dezember 2017: Die Quälerei der letzten 13 Monate hat sich gelohnt!

Ich habe mein Ziel erreicht und bin Weltmeisterin über 100m und 50m Freistil geworden. Es waren wohl die härtesten Rennen meiner Karriere, denn die Wettkämpfe fanden in Mexiko-City auf 2250m Höhe statt.

Wer schon einmal beim Skilaufen oder Wandern in den Bergen war, wird nachvollziehen können, wie schwer es ist, maximale Leistung in der Höhe zu bringen. Da geht einem im wahrsten Sinne des Wortes "die Puste" aus.

Aber: Ende gut, alles gut!

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© Maike Naomi Schnittger